Dazwischen
Donnerstag, 8. April 2021

Das ist alt aber lässt mich nicht los.

Inspirationsquelle: www.54books.de

Mag es fertig schreiben, da ich gespannt bin wie die Geschichte ausgeht. Werd mich dafür bei Patreon anmelden, weil die Miete muss bezahlt werden und falls es wen anderen auch noch interessiert wie es ausgeht und dazu gemalte Bilder hier auftauchen sollen, des öfteren, und jemand vielleicht einfach interessiert ist, dann wäre das unter Umständen eine Win/Win - Situation. Ich zahle auch für Bücher und Musik und das sehr gerne.

krieg = das letzte.

Er sah mich an und schüttelte den Kopf 'Das geht sich nicht aus.'

'Gut, dann bis bald, vielleicht ja nächstes Mal?' ich versuchte zu ergründen, wieso er mir den Gedanken nicht mitgeben wollte, aber scheiterte. Es hätten tausend und eine Möglichkeit sein können, wenn ich Vorstellungen in Bezug auf seine Motive gemocht hätte, wäre ich schon längst irgendwo anders als hier. Es steht bestimmt in vielen Ratgebern: lassen Sie Ihren Partner bloß wie er ist! Versuchen Sie nicht, ihn zu ändern. Das wäre vergebliche Liebesmüh. Mir erschloss sich solcherart Rat nicht, weil ich auf die gegenteilige Idee nie gekommen wäre.

Sein Hut troff vor Regenschwere, es war gerade nicht kalt genug um das amorphe in Geometrie zu verwandeln und nicht warm genug um die Knochen zu beruhigen. Wir verabschiedeten uns von meiner Seite her unbefriedigt, sein beschwingter Schritt weg von mir riet mir auch da nicht weiter nachzuforschen.

Am Himmel zogen Berge vorbei die von mehr schlechtem Wetter kündeten. Der Nieselregen würde bald wieder heftiger werden. Wie lange hatten wir keine Sonne zu Gesicht bekommen? Es war Anfang Februar und es sah so aus als würden sich unsere Wege bis zum Frühling wieder trauen mehr umeinander zu tanzen. Die Krise, hart und heftig, hatte uns viel Zeit gekostet aber womöglich Zukunft beschert.

Wie alles angefangen hatte? Vor Ewigkeiten in einem Club, eine elektronische Band und paar Bier/Gespritzte, er war auf mich zugestürmt und hatte gelangweilt gesagt:

'Wie heißt Du?'

'Julia.' log ich. Wollte dem komischen Vogel nicht meinen echten Namen nennen, dachte ich noch. Dazu waren die Sekunden klug genug. Aber ach. Ich liebe ihn, was soll ich machen. Dass es dann so eskalierte, wer konnte es ahnen. Fünfzehn Jahre später, die Demonstration am Karlsplatz. Ich sah noch Otto Wagners U-Bahn Station, dann Stille, Nacht, Finsternis. Später Schmerzen. Die Granate hatte mein linkes Bein zerfetzt und drei Finger der rechten Hand verglüht. Ich schmiedete für mein Leben gerne, ich werde mich niemals davon erholen, schrie ich ihn an. Du hast mir alles genommen, jede Sekunde die du mir gegeben hast reißt du mir aus dem Herzen jetzt!

Er weint wie ein Esel oder brüllt wahlweise. Das Krankenbett hat immer dieselbe Bettwäsche auch wenn zweimal pro Woche frisch überzogen wird. Gelb mit weißen Karos, abscheulich.

'Warum zur Hölle bist du da hin gegangen? Du hast das nie erwähnt!'

Ich fauche zurück was ihm einfällt, sich so schwer zu bewaffnen. Wir funkeln uns hasserfüllt an.

'Was machst du hier noch? Warum kommst Du jeden verdammten Tag vorbei?'

Dazu bleibt zu sagen, es ist anzunehmen dass nicht reine Schuldgefühle der Grund sein können. Etwas Schöneres ist dabei, man merkt es an den Gummibärchen, die er aufs Nachtkastl stellt in Reih und Glied. Sein Sinn für Ordnung hat mir immer imponiert. Mein Leben vor ihm war nicht immer wunderbar gewesen. Manchmal greift man kapital daneben aber um das vor mir selbst zu verbergen lebte ich lange in unmöglichen Zuständen. Geschichte.

Ja sicher, ich war nicht gemeint gewesen. Und der Bürgerkrieg tobte in einem Ausmaß dass niemandem eine geworfene Granate noch ein Strafmaß wert war. Aber wir zwei wollten Frühling. Blumen, Wiese, Kinder kriegen gemeinsam. Wieso hat er mich getroffen? Ich war als Hase verkleidet, mit Trommel. Dass die Einen von den Anderen plötzlich Saures bekamen und wir Hippies dazwischen standen konnte keiner ahnen. Es war halt so.

Verzeihung Moni.

Verdammt Mann! Du magst keine Waffen, dachte ich! Sag doch Nein wenn dir ein schwindliger Bekannter so ein Ding in die Hand drückt. Du wolltest dich verteidigen sagst du? Gegen einen rosaroten Hasen?

Neben meinem Ohr ist eine Kugel vorbeigezischt, ich war in Panik.

Hau ab, Du! Ich kann Dich nicht mehr sehen!

Moni.

Die Tür fiel zu, er war weg. Mein Herz. Drei Minuten später vermisste ich ihn wieder. _Was kann man da machen? Die zweihundert K die er sich erarbeitet hatte in zwanzig Jahren Schufterei waren im Äther verschollen. Wer sie jetzt hat weiß er nicht, irgendwer wird schon verdient haben an der Entwertung. Er dachte darüber nach, ob gerade in dem Augenblick der Hunderter von diesem einen Tag des vergangenen Jahres, als der Job besonders schwer gewesen war, einem Hummer den Kragen kostete, oder in das Mangalitzasparschwein wanderte vom Grafen seinem Sohn. Oder in eine Granate investiert wurde die der Liebe seines Lebens jeden Mut und alle Begeisterung stehlen würde. So gerne waren ihre Finger über die Tastatur gestriffen, stundenlang Wort um Wort verloren, ohne zu speichern, ohne Anfang und ohne Ende. Bis zum Tusch.

Irgendwie war er radikalisiert worden. In den Jahren als die Anderen immer öfter ihre unterschwellige Aggression da ließen aber scheinbar nichts beitrugen zum Wohl der Allgemeinheit. Moni, liebste Moni, Du glaubst immer noch, wir wären Schuld daran, weil wir nicht lieb genug gewesen sind vom ersten Tag an. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Oft, wenn ich denke: wir sind alle Menschen, gleich an Rechten und Pflichten, dann verliere ich die Zuversicht. Weil es nicht zu sehen ist, das: Jeder bemüht sich. Hält sich an die Spielregeln. Weder grausam zu sein noch sich selbst aufzugeben, wie schaffst Du den Drahtseilakt? Gar nicht. Du hast Dich immer verleugnet. Klein gemacht, warst unterwürfig bei Leuten, die Dir im Traum nicht das Wasser reichen konnten. Warum, Moni? Sei so lieb, vollende!

Ich hab ihr gesagt, schau, wir müssen kämpfen, wenn es hart auf hart kommt. Was macht sie? Verkleidet sich wie zu Studentenjobzeiten und schlägt das Instrument, gleichmäßig 'Frieden und Freiheit für alle' skandierend. Ach naiv warst du gerne immer mal wieder. Aber so umfassend?

Der Kollege aus dem fünften Stock hatte mir mal gesagt: 'Pass auf, wir erobern euer Land mit einem Geburtenstreich.' Gelacht habe ich. Es sickerte erst langsam und viel später. Die Welt hat Probleme, das ist offensichtlich. Zuerst die rücksichtlose Ausbeutung der Natur, dazu Eigeninteressen ohne Mut an das Ganze zu denken – oh - es beginnt zu schneien, im Radio läuft ein Lied über den Sonnenschein, die Balkontüre ist sauber, ich habe sie heute geputzt, der Kleine patscht immer mit seinen Händen drauf. Dass sie ihn bei mir lässt wundert mich sehr. Ich denke, verzeihen wird sie mir nie. Ihre Hand in dem dicken Verband, das bricht mir ein Stück meiner Seele heraus. Diese Hände, meine Füße liebten jede Minute die sie sich ihnen widmete.

Manchmal nahm er die Hirschtagcreme und roch kurz daran. Ab und zu war er eingeschlafen dabei, nach durchwachten Nächten und Tagen mühevoller Arbeit.

Der Kleine Mann war bald zwei Jahre alt und ein richtiger Kasperl. Er brachte andere Kinder, die gerade traurig waren und eigentlich keine Lust hatten abgelenkt zu werden, mit Slapstick zum Lachen. Ein Naturtalent was Humor betraf. Von uns kann er das nicht haben, dachte ich. Wir sind oft zu nahe dran, stehen uns selbst im Wege weil wir wenig Lockerheit zusammenbringen. Paradoxerweise wurde es besser seit der Granate. Wenn ich mit dem Sohn gemeinsam bei ihr im Krankenhaus war häkelten wir uns manchmal gegenseitig sodass sogar das humorbegabte Kind mitkichern musste. Zwei Jahre und schon so ein Charakter. Das hätte mir wer erzählen müssen.

Die Demonstration hatte zwar ein Ausmaß an Gewalt gezeitigt das davor nicht dagewesen war, aber vielleicht deshalb eine Waffenruhe zur Folge gehabt. Irgendwie hatten alle genug. Vom Blut und den kalten Nächten. Er war auch müde geworden. Was nicht ging, war die Wut und der Hass auf sich selbst. Verschwindend aber die Wut und der Hass auf die Anderen.

Im Spital lag eine Frau neben Moni. Ihr fehlte ein Teil des Gesichtes. Unter einem leichten Verband verbarg sich kaum das entstellende Grauen und ihr Mann und die vier Kinder saßen jeden Tag da und trösteten das weinende Auge in dem sie es mit Taschentüchern abtupften. 'Mama' – der Jüngste war kaum älter als unser Sohn.

Dass er die Sprache nicht verstand war ihm auf einmal keinen Schilling an Grant mehr wert, er verstand jedes Gefühl das diese Leute für einander hegten am Tonfall. Wen interessiert der Inhalt, dachte er oft, wenn dem darunter soviel mehr Bedeutung zukommt. Manchmal sahen der Mann und er sich an und es war ein großes Stück Bedauern im Blick. Aber keine Abscheu, das Verständnis der gemeinsamen Bürde wog das Bedauern über die verschiedenen Seiten, auf denen sie einst gestanden hatten, auf. Er verstand langsam, wovor sie geflohen waren. Das Rohe an den Gewaltausbrüchen hatte ihn verdutzt, irgendwie war in ihm der Glaube gewesen, er wäre so etwas wie 'zivilisierter'. Was für ein Trugschluss. Die Anderen glaubten an einen Gott und der Mann mit Hut an gar keinen, natürlich nicht, er hatte Moni verlacht bis sie eines Tages sagte: 'Anton, ich glaube nicht mehr an Gott. Er hat mich verlassen, war nur eine Illusion.' Der Umstand dass ihn das störte ohne den Grund dafür zu kennen verwunderte ihn massiv. Aber Moni's Gott war gar nicht gestorben, ihr Vertrauen in das Leben wuchs exponentiell zu ihren Möglichkeiten. Moni und Anton. Samt Konstantin, dem kleinen Mann. Die Frau im Krankenhaus heißt Süleya und ihr Mann Muhammad, die Kinder Özlem, Muhammad, Emine und Emirhan. Der Chirurg der zur Visite vorbei sah hatte Süleya versprochen sein Bestes zu geben und wir alle glaubten daran. Nach anderthalb Jahren war es auch so weit, dass wir alle gemeinsam bei einem Abendessen saßen und sie lachte aus vollem Herzen über Konstantin und seinen Schnitzeltanz. Sah hinreißend dabei aus, auch wenn die Augenklappe ihr was Verwegenes mitgab. Süleya! Manchmal war Anton heimlich verliebt, aber nie über die Maßen, es tat der Freundschaft keinen Abbruch weil vielleicht ist man in Freunde ja auch ein kleines bisschen verliebt hier und da.

Muhammad konnte kochen dass einem die Augen tränten aber Özlem's Hühnerschnitzel waren auch köstlich, und als Moni das Dessert brachte war die Freude groß. Sie wollen unsere Welt erobern? Unsere Kultur vernichten?Moni war fassungslos wie wütend sie werden konnte, diese Familie der Frau in ihrem Zimmer, die waren so laut, so polternd, hatten kein Feingefühl, ich will schlafen, ich will mich verkriechen, nur rausschauen auf die graue Fassade des Gebäudes Vis á Vis und das den ganzen langen Tag über, es interessiert mich nicht, was mit Euch los ist. Ja sie ist arm, wie auch immer Susi oder so, eine schlimme Geschichte, aber kann sie nicht leiser sein, ihr Geheule nervt mich so.

Moni! Was macht der Bart auf deiner Stirn? Warum so dünnhäutig, was war los heute?

Keine Ahnung, ich weiß auch nicht. Das Bein schmerzt, ich weiß schon, das ist möglich, aber ich will das nicht haben. Mir ist langweilig, ich komme mir vor wie eine verbitterte alte Frau.

Lass uns spazieren gehen üben.

Nein ich will nicht. Wie geht es Konstantin?

Eh gut, heute ist Fasching im Kindergarten.

Und geht er als Dinosaurier?

Nein, irgendwie nicht.

Okay. Naja. Die nerven mich so. Sind gerade wieder zehn Leute aufgetaucht, haben Radau geschlagen und irgendwelche komisch riechenden Sachen da gelassen. Merkst du das?

Ja, aber riecht eh okay.

Nein. Zu intensiv. Der Müller- Reisger war da und hat gesagt ich darf heim. Nächste Woche. Keine Operation mehr nötig.

Oh fein!

Ich ziehe ins Hotel. Konstantin bleibt bei dir.

Ach Moni, komm doch heim. Wer soll das bezahlen?

Das ist der Grund?

Nein, komm heim bitte. Es tut mir leid. Aber verdammt nochmal ich werde mich nicht mein restliches Leben lang entschuldigen!

Stille. Jeder blickte in eine andere Richtung. Da kam Süleya herein und sagte: Störe ich? Sie bemerkte die Wellen der Wut zwischen den Beiden.

Moni und Anton wunken ab. Nein, nein.

Süleya weinte. Ihre linke Backe war waschelnass. Legte sich ins Bett. Schluchzte weiter. Ganz leise und dezent. Aber herzzerreißend. Moni ärgerte sich über die Empathie-Tränen die in ihre Augen stiegen, setzte sich auf und fragte: 'Kann ich Ihnen was bringen? Ein Taschentuch - oder soll ich wen holen?'

'Nein danke. Es geht schon.'

Die beiden Frauen sahen sich an. Moni mochte keine Frauen. So prinzipiell. Nur ein paar. Die meisten quatschten ihr zuviel. Aber Süleya war eine starke Plaudertasche mit Stil. Sie weinte oft aber ohne Verbitterung, es war pure Trauer über den Verlust ihres Auges und der Tatsache der Schmerzen geschuldet. Sie liebte ihren Mann und hatte Sorge er würde sie ablehnen wegen der Entstellung.

Dass sie tanzend zu 'Hazy Shade of Winter' durch Moni und Antons Wohnung wirbeln, die Liebe den Raum auf unfassbare 1000 Grad erhitzen und die Kinder von dem Lärm angezogen aus Konstantins Zimmer kommen würden und 'Oh Gott seid ihr peinlich' seufzen würden beim Kuss zwischen Süleya und Muhammad am Ende der Nummer ahnte sie nimmermehr. Auch Moni - dass sie mit der Beinprothese gehen würde und das tippen mit sieben Finger gut gehen kann, ja das war auch der ihr nicht klar zu diesem Zeitpunkt. Aber als die beiden sich in die Augen sahen an jenem Tag erkannten sie die jeweiligen Möglichkeiten der anderen und dazu die Reflexion der eigenen Optionen bezüglich Zukunft und schöpften im nämlichen Augenblick Hoffnung. Man könnte sagen sie akzeptierten das Schicksal, traten aus dem Tunnel der Depression ans Licht und waren erst einmal schneeblind. Im Radio ertönte 'Eternal Flame' und Moni musste kichern. Das Lied konnte sie singen, bevor sie es zum ersten Mal gehört hatte, eine Freundin hatte es ihr beigebracht am Weg zur Sportwoche. Das war bevor sie alle Frauen pauschal abgelehnt hatte. Das war vor dem Mobbing, damals hatte sie Freundinnen. Und Bekannte. Und überhaupt ein Sozialleben. Robust war Moni in der Theorie immer aber endgültig erst nach der Granate. Davor wohl etwas weinerlich und leicht beleidigt. Sehr leicht beleidigt.

Anton was hast du getan?

Gar nix.

Wo ist das Holz?

Weg.

Was heißt weg?

Ach lass mich in Ruhe. Er zippte seine Winterjacke auf und setzte sich seufzend auf die Matratze. Da rumpelte es plötzlich gewaltig. Die Treppe! Muhammad und Moni sprangen auf und liefen aus dem Raum auf den Gang. Da lag Emirhan und weinte. Er war runtergefallen aber allem Anschein nach unverletzt geblieben. Muhammad schimpfte und Moni untersuchte das Kind. Alles okay Emirhan? Es beutelte ihn vor unterdrückten Tränen aber er nickte tapfer. Was machst du so spät hier? Wo ist Deine Schwester? Der Schreck hatte seinen Vater wütend gemacht. Nach und nach kamen andere Leute heraus, viele der Gesichter waren vertraut aber die Geschichten dazu kannten die drei kaum. Seit vier Wochen im Auffanglager und es war immer noch extrem unangenehm mit 220 anderen in einer Halle zu leben, Schlafstatt neben Schlafstatt dazwischen notdürftiges Gepäck. Alle waren müde, was konnte der Krieg anderes als die Menschen müde zu machen? Sie waren traurig und hungrig und hatten Sorge um jeden neuen Tag, aber vor allem waren sie müder als jemals zuvor. Wenn Angst nicht bricht und man dem Leben immer noch etwas abtrotzt, sei es eine Erinnerung oder eine Hoffnung, kann man dennoch niemals lernen mit dieser Sorte Müdigkeit zu leben.

Sie haben alles, wir haben nichts. Sehnsüchtig sah Muhammad nach oben wo die Fenster hell erleuchtet waren, am Hügel schlängelten sich Wege auf deren jedem Beginn ein Verbotschild stand: Zugang beschränkt, Privatweg. Unten, fast an der Klippe zu Meer das Lager, eine alte Kaserne mit großer Halle für Flugzeuge. Ihr Zuhause nun für wer weiß wie lange. Er ging eine rauchen. Moni, kannst Du Emrihan zurück bringen, ich gehe kurz raus.

Was soll ich machen? Ich habe nicht die geringste Ahnung wohin ich sie bringen könnte. Anton geht es wie mir. Er ist so anders. Wieso bin ich nicht anders. Nicht wie er, der ist so hart. Und so einer der dauernd rumschreit. Und dann von allen anderen will dass sie das nicht tun. Wie Moni das aushält, aber ich verstehe das schon, besser rumbrüllen und dann weitermachen als alles reinfressen und abhauen. Wenn ich mal einen Freund hatte, ich glaube es war er. Aber seit vier Wochen ist er weg, irgendwie, er redet kaum noch, er flucht nicht einmal mehr. Ob er was ausheckt? Soll ich ihn fragen? Will er flüchten?

Da muss Muhammad plötzlich kichern. Ihm fällt eine Stelle ein aus einer kurzen Serie in der ein recht jähzorniger Typ ein 'little book of calm' absorbiert nach dem er es unabsichtlich verschluckt hat und daraufhin total gechillt wird. Ob Anton meditiert? Oder Drogen zu sich nimmt? Aber seit wann machen Drogen so, so, ja wie könnte man es nennen? Er war anders. Aber anders anders.

Ich glaub ich bin mir sicher. Er hat einen Plan.

Der kalte Schweiß auf seiner Stirne störte ihn weniger als die pickigenHände, in denen sich die Pistole anfühlte wie Seife mit wenig Wasser. Gleich kam der Moment und alle Entscheidungen der letzten zwei Jahre würden zu einer letzten zusammenlaufen, zu der einen moralischen Frage, ob der Tyrannenmord ihm möglich sein wird oder eben die Achtung vor jedem Leben, dem Leben an sich, das verhindern könnte in letzter Sekunde. Wir wissen alle nicht wozu wir fähig sind, bis es darauf ankommt. Muhammad wusste es genauso wenig. Er hatte schon einmal wen getötet, das war aber ein Unfall gewesen. So vorsätzlich und mit aller Gewalt, die Frage ob dieser eine Mann oder Tausende - ja -Millionen Andere hatte die Vorbereitungen in einem logischen Licht erscheinen lassen, klar und deutlich. Jetzt in den letzten Minuten vor der Tat war nichts mehr einfach. Niemand hatte ihn einer Gehirnwäsche unterzogen, er war empathisch und analytisch wie er so auf seinem Barhocker saß und auf den Besitzer der Einrichtung wartete. Wenn alles gut ging, würde der Graf heute gegen 21 Uhr in seinen Club kommen, die Lichter aufdrehen und auf die Gäste warten. 3 Personen waren angekündigt, wichtige Besprechungen standen an.Muhammad wusste das keiner von ihnen unbewaffnet kommen würde – die Bodyguards jedoch in den Karossen warten würden, denn der Club galt als uneinnehmbar und wirklich niemand ahnte dass ein fast zitternder 42 jähriger, zu 'keine - Ahnung – Was' Entschlossener, auf einem der Stühle lungerte und seinen eigenen Tod gegen den des Opfers abwog in Gedanken.

Sie hatten hervorragende Arbeit geleistet. Was wenn jetzt die moralischen Bedenken überhand nehmen würden? Er betete kurz dass der Graf etwas früher käme, damit er keine Zeit mehr hätte weiter nachzudenken. Aber die Minuten verstrichen und nichts regte sich. Wie aus dem Nichts war es plötzlich doch fünf nach Neun und er hörte die Tonfolge der Alarmanlagentasten. Zinggg die schwere Stahltüre ging ein paar Zentimeter auf.

Dann stoppte sie.

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